2027 beginnt die Generalsanierung der Nordbrücke. Während der Arbeiten an den Fahrspuren soll der Steinitzsteg, eine der wichtigsten Donauquerungen für Radfahrende und Zufußgehende, für diese ersatzlos gesperrt werden, damit Autofahrende nicht das geringste Maß an Bequemlichkeit einbüßen.

Großräumige Umleitung für Radfahrende
Am 21. Mai 2026 wurde das von ASFiNAG und Stadt Wien erarbeitete Verkehrskonzept präsentiert. Die Verantwortlichen bezeichnen es als die beste Lösung. Das stimmt aber nur für den Autoverkehr. Für Radfahrende bedeutet es einen Mehrweg von bis zu 2,5 Kilometern bzw. 14 Minuten. Das ist ein massive Beeinträchtigung, speziell für Pendelnde und Familien, die auf komfortable Verbindungen angewiesen sind. Die offizielle Umleitung ist kein Ersatz für den Steinitzsteg.
Die präsentierte Alternativroute für Radfahrende führt über den Geh- und Radweg auf der Donaukanalpromenade zur Heiligenstädter Brücke und von dort über den Radweg in der Lorenz-Müller-Gasse zur Adalbert-Stifter-Straße. Dort wird 2027 auf der Parkspur ein Radweg zur Floridsdorfer Brücke errichtet – die Parkplätze werden nur tagsüber fehlen, da eine der zwei Fahrspuren nachts zur Parkspur wird. Den präsentierten Plänen nach dürfte eine Fahrspur der Floridsdorfer Hauptstraße direkt nach der Floridsdorfer Brücke zum Radweg werden, um ohne die Tal- und Bergfahrt beim Wasserpark niveaugleich zum bei der Kreuzung mit der Jedleseer Straße beginnenden Radweg Richtung Floridsdorfer Spitz zu kommen. Positiv zu vermerken ist, dass die Umleitungsstrecke die flachste aller möglichen Strecken darstellt. Die Jedleseer Straße, wird im Umleitungskonzept nicht berücksichtigt, obwohl sie zum Steinitzsteg führt und auf dieser derzeit keine sichere Radinfrastruktur vorhanden ist. Stattdessen führt die offizielle Umleitung über den Floridsdorfer Spitz zur Prager Straße und endet bei der A22.
Auf Zufußgehende wird komplett vergessen
Für Zufußgehende wurde keine Alternativroute präsentiert. Der Umweg über die Floridsdorfer Brücke ist diesen jedenfalls nicht zumutbar. Mit einer nicht repräsentativen Umfrage unter lediglich 100 Personen wird versucht, den Fußverkehr als Freizeitverkehr abzuwerten. Dabei wird die Lebensqualität vieler Menschen, die ihnen das Naherholungsgebiet Donauinsel bietet, außer Acht gelassen und es werden wieder mehr Menschen ins eigene Auto oder überlastete Öffis gedrängt.
Die Umleitung und das Donauinselfest
Alljährlich pilgern täglich hunderttausende Menschen zum Donauinselfest. Die Floridsdorfer Brücke ist dabei eine Schlüsselstelle. Ohne Steinitzsteg stellt sie den nördlichsten Einstiegspunkt in den Festbereich dar und obendrein befindet sich die größte Bühne direkt bei ihr. Während des Donauinselfestes 2023 wurden an der automatischen Zählstelle bei der Floridsdorfer Brücke rund 3.400 Radfahrende gezählt, beim Steinitzsteig waren es 9.800 – 2022 lag das Verhältnis sogar bei 2.100 : 12.000 und 2024 bei fast 4.900 : 13.500.
Wie soll das funktionieren, vor allem zusammen mit dem stets massiven Fußverkehr über die Brücke und im Bereich der Straßenbahnhaltestellen auf der Donauinsel? Kommt dann ein Radfahrverbot über die Umleitungsstrecke mit einer noch weiträumigeren Umleitung?
Zeitgemäße Lösungen im Einklang mit Klimazielen
Da sich die ASFiNAG das Recht auf die Benützung des Steinitzsteges während Sanierungen gesichert hat, liegt das autofreundliche Verkehrskonzept formal nicht im Verantwortungsbereich von Wiens Stadtregierung. Aufgrund der geänderten Rahmenbedingungen hätte sie aber deutlich stärker auf eine Lösung im Sinne aktiver Mobilität pochen müssen.
Dabei besteht für den motorisierten Individualverkehr (MIV) bereits eine perfekte Umleitungsstrecke: Zwischen dem Knoten Nußdorf und der A22-Abfahrt „Prager Straße“ liegen mit Handelskai, Floridsdorfer Brücke und A22 drei erstklassig ausgebaute Straßen – die Wegzeit verlängert sich dabei lediglich um 3 Minuten. In der Praxis wird es länger sein, aber wie der Umgang mit Radfahrenden und Zufußgehenden zeigt, muss der reguläre Verkehr auf Umleitungsstrecken nicht beachtet werden.
Einige Bezirksparteien und sogar der ÖAMTC sind für eine auch von Radeln For Future ins Spiel gebrachte Anbringung einer Zusatzkonstruktion an den Steinitzsteg. Dadurch würde die Donauquerung auf Höhe der Nordbrücke erhalten bleiben. Zukünftig wäre ein solcher Zubau eine Möglichkeit, Fuß- und Radverkehr zu entflechten und eine Wiederholung der Problematik bei der nächsten Brückensanierung zu verhindern. Alternativ wäre auch die Errichtung einer neuen Donaubrücke auf Höhe der Jedleseer Brücke eine Option. Beide Varianten wären Investitionen für eine lebenswerte Zukunft.
Die lebenswerte Zukunft scheitert am Festhalten an der Vergangenheit
Doch in den Stadtregierungen der letzten Jahrzehnte gibt es eine Konstante: die SPÖ. Würde sie die selbst beschlossenen Ziele ernsthaft verfolgen, wäre der Anteil des MIV am Modal Split inzwischen nur noch bei 15 % statt bei 26 %. Damit würde der MIV mit der Hälfte der Spuren auskommen und der Steinitzsteg könnte offen bleiben. Leider liegt den politisch Verantwortlichen in der SPÖ das Auto mehr am Herzen als Menschen, weshalb nur ein Minimum an Maßnahmen umgesetzt wird, um die Abhängigkeit vom Auto und damit auch von fossilen Energieträgern zu beenden.
Der Status quo mit all den verfehlten Zielen ist daher keine Überraschung. Er ist das Ergebnis des politischen Festhaltens an Konzepten der Vergangenheit und des Unwillens zu positiver Veränderung. Die Posse um den Steinitzsteg ist nur ein weitere Etappe dieser verkehrspolitischen Sackgasse.
Ergänzung 5.6.2026: Für die kürzeste Umleitung wurden als Start- und Zielpunkte die zum gesperrten Bereich am nächsten liegenden Stellen mit Abzweigungen gewählt. Die offizielle Umleitung führt auf Floridsdorfer Seite bis zur Prager Straße auf Höhe der Nordbrücke. Von dieser Stelle aus führt ein Radweg zur Sinawastingasse, die für alle, die über die Jedleseer Straße Richtung Steinitzsteg fahren, relevant ist.
Weiterführende Informationen und Quellen:
ASFINAG-Generalsanierung der Nordbrücke – Alternativ-Radroute über Floridsdorfer Brücke (Rathauskorrespondenz, 21.5.2026)
Petition: Steinitzsteg muss bleiben! (petitionen.wien.gv.at)
Infopoint Steinitzsteg (Radeln For Future)
Dialog mit Martin Blum von der Mobilitätsagentur (Bluesky, 22.5.2026)
Radverkehrszählungen Wien (wien.gv.at)
Routenplaner Steinitzsteg Endpunkte (Open Street Map)










